21.11.2025 · Team barrieren-gutachten.de · ca. 4 Min. Lesezeit

barrieren‑gutachten.de geht an den Start – endlich.

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Illustration zu Verwaltungs-Roadmaps

Im Juni 2025 ging die Webseite barrieren‑gutachten.de mit einem „Soft‑Launch“ erstmals online. Ihr Zweck besteht darin, bislang verstreut veröffentlichte Barrierefreiheits‑Prüfberichte der staatlichen Überwachungsstelle zur Barrierefreiheit von Informationstechnik zu bündeln. Diese Behörde prüft gemäß EU‑Richtlinie 2016/2102, ob Webseiten und mobile Anwendungen des Bundes barrierefrei gestaltet sind; die Barrierefreie‑Informationstechnik‑Verordnung (BITV 2.0) schreibt „wahrnehmbare, bedienbare, verständliche und robuste“ digitale Angebote vor.

Trotz dieser Vorgaben offenbaren die Berichte erhebliche Mängel: Kein einziges geprüftes Angebot erfüllte die gesetzlichen Mindestanforderungen, häufig fehlten Alternativtexte, Tastaturbedienbarkeit oder ausreichend hohe Kontraste. Dadurch wird Behinderten die Teilhabe an Bildung, Beruf und Freizeit massiv erschwert oder sogar unmöglich gemacht, was eine erhebliche Minderung an Lebensqualität zur Folge hat.

Casey Kreer, Beraterin für digitale Barrierefreiheit und Initiatorin des Projekts, stellte die Gutachten initial zusammen, um „vollständige Transparenz“ zu schaffen. Sie betonte, dass Prüfberichte oft „in Schubladen verstauben“ und Mängel nicht behoben werden; deshalb bringe das Portal die Gutachten ans Licht, damit Behörden die Probleme angehen.

Das Ziel: Barrierefreiheitsdefizite sichtbar machen und so den notwendigen Druck aufbauen, damit öffentliche Stellen ihre gesetzlichen Verpflichtungen erfüllen. Zunächst waren rund 190 Prüfgutachten verfügbar.

Szene-Medien der Behindertenbewegung wie die kobinet‑Nachrichten und auch netzpolitik.org griffen das Projekt auf und betonten, dass erstmals ein frei zugängliches Portal sämtliche staatlichen Prüfberichte an einem Ort bündelt, um Defizite sichtbar zu machen.

Mehr Gutachten und offizielle Veröffentlichung

Seit dem Soft‑Launch hat sich das Portal erheblich weiterentwickelt. Inzwischen (November 2025) enthält die Datenbank 918 Prüfberichte – fast fünfmal so viele wie noch ein halbes Jahr zuvor. Die Zahl der indexierten Gutachten wuchs durch die Einbindung der von der BFIT Bund an private Dienstleister vergebene Prüfaufträge. Außerdem konnte das Projekt erreichen, dass die Behörde nun alle Gutachten selbstständig veröffentlicht – allerdings weiterhin nicht leicht durchsuchbar.

Das Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Sammlung möglichst nutzbar und informativ bereitzustellen, sowohl für Laien als auch Expert*innen. Deshalb wurde die Benutzeroberfläche gründlich überarbeitet. Die Startseite zeigt nun Informationen zur rechtlichen Lage und zum Umfang der Datenbank. In der Gutachten‑Datenbank können Besucher*innen nach Angeboten filtern oder eine Suche durchführen.

Eine weitere Neuerung ist die Möglichkeit, Folgegutachten direkt über die Plattform zu verfolgen: Wenn für ein Angebot mehrere Prüfungen vorliegen, werden diese in chronologischer Reihenfolge verlinkt, sodass Nutzer*innen nachvollziehen können, ob und wie sich Barrieren im Zeitverlauf verändern.

Künstliche Intelligenz wertet Auswirkungen von Barrieren aus

Neu ist auch eine automatisierte Zusammenfassung der Gutachten, die die Auswirkungen der gefundenen Barrieren auf unterschiedliche Behinderungsarten beschreibt. Eine Sprach‑KI analysiert die Prüfpunkte der Gutachten und fasst zusammen, ob Menschen mit Seh‑, Hör‑, motorischen oder kognitiven Einschränkungen von den dokumentierten Problemen besonders betroffen sind. Diese Funktion dient als Einstieg für Interessierte ohne technische Fachkenntnisse. In Zukunft sollen diese Informationen redaktionell von Expert*innen für digitale Barrierefreiheit und Menschen mit Behinderung geprüft und verbessert werden.

Bedeutung der Plattform und Dank an Unterstützer*innen

Die breite Medienresonanz zeigt, dass barrieren‑gutachten.de eine Lücke in der öffentlichen Debatte schließt. Die Weiterentwicklung des Portals wurde maßgeblich durch ehrenamtliche Arbeit und finanzielle Unterstützung über die Plattform Steady ermöglicht. Ohne diese Unterstützung hätte der Ausbau der Datenbank und die Integration neuer Funktionen nicht erfolgen können.

Projektkoordinatorin Kreer sagt zum Launch: „Für mich ist es beeindruckend zu sehen, wie barrieren‑gutachten.de nun aussieht. Aus einer nischigen, technischen Sammlung für Fachpublikum wurde in kurzer Zeit ein umfassendes und politisches Archiv, das die bestehenden Missstände klar aufzeigt und Hoffnung auf echte Verbesserungen weckt.“

Ausblick

Mit der nun erfolgten Veröffentlichung von 918 Gutachten ist barrieren‑gutachten.de zu einem umfassenden Archiv gewachsen. Die Plattform plant, weitere Prüfberichte zu integrieren, sobald sie erscheinen, und Erfolgsgeschichten hervorzuheben, wenn Behörden Barrieren abbauen. Außerdem sind weitere Funktionen geplant, die die Partizipation einer offenen Community ermöglichen sollen. Auch sollen tiefergehende Analysen in Form von Blogbeiträgen folgen.

Es bleibt die Hoffnung, dass staatliche Stellen jetzt einen deutlichen Kompetenzzuwachs im Bereich digitale Barrierefreiheit verzeichnen und dass Inklusion kein leeres Versprechen bleibt, sondern Schritt für Schritt Realität wird.

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